Eine Überlegung a priori

 

Die Vorstellung, wir könnten sozusagen mit dem unbewaffneten

"gesunden" Menschenverstand auch in komplexen Situationen

Ursache-Wirkungs-Beziehungen eindeutig erkennen, scheint uns

angeboren zu sein. Jedenfalls ist sie weit verbreitet. Sie ist jedoch

falsch. Das menschliche Vermögen, Informationen aufzunehmen und zu

verarbeiten, mit bedingten Wahrscheinlichkeiten umzugehen  sowie

Ursachengeflechte zu durchschauen, ist begrenzt. Es sind dies

Leistungen, die offensichtlich keiner strengen Selektion im Rahmen

der Evolution unterworfen waren. Als praktisch bedeutsame Konsequenz

der täglichen Arbeit ergibt sich die Notwendigkeit, bei der

Beurteilung von Ursache-Wirkungs-Beziehungen gewisse

Vorsichtsmaßregeln zu beachten. Insbesondere sollten folgende

"Fallen" vermieden werden:

 

1.) Unsere Wahrnehmungen lassen sich durch vorgefaßte Meinungen,

Hoffnungen oder auch durch Gruppendruck beeinflussen.

 

2.) Aufeinander folgende Ereignisse (z.B. Maßnahme durch

Betriebsleiter oder Tierarzt und die weitere Entwicklung bei einem

erkrankten Tier) werden als ursächlich verknüpft empfunden. Das ist

sicher ein angeborener Mechanismus, der sich auch bei Tieren

nachweisen läßt, und der vielen Formen von Aberglauben zugrunde liegt.

 

3.) Die meisten quantifizierbaren Ereignisse (z. B. %-Satz erkrankter

Tiere in einer Gruppe zugekaufter Kälber) sind einer gewissen

zufälligen Schwankung unterworfen, wobei Ereignisse im mittleren

Bereich am häufigsten sind. Die Wahrscheinlichkeit, das nach einem

extremen Ereignis (z. B. einem Durchgang von Kälbern mit 90 %

Erkrankungen ein gleich extremes oder gar noch extremeres folgt, ist

VIEL kleiner als diejenige eines durchschnittlichen Ereignisses (z.

B. 40 % Erkrankungen), auch wenn keine besonderen Maßnahmen

durchgeführt werden. Dieses Phänomen wird "Regression zum

Mittelwert" genannt. In der Praxis werden extreme Ereignisse

verständlicherweise oft zum Anlaß genommen, irgendwelche

vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, und ein nachfolgendes Ereignis

der beschriebenen Art wird als Erfolg dieser Maßnahme gewertet. Von

da aus ist es nicht mehr weit zu der Überzeugung, das diese

Maßnahme nicht nur richtig, sondern notwendig ist.

 

Die meines Erachtens einzig sinnvolle Schlußfolgerung aus dem

Vorstehenden ist es, die wichtigen Fragen auf wissenschaftliche Art

anzugehen. Dazu gehört im Falle von Ursache-Wirkungsbeziehungen

(z.B. Wirksamkeit von Vorbeuge- oder Behandlungsmaßnahmen) die

Einführung einer geeigneten Kontrollgruppe und die unvoreingenommene

("blinde") Auswertung. Wenn Sie nun denken, das es sich die Praxis

nicht leisten kann, so vorzugehen, möchte ich entgegnen, das es sich

die Praxis auf Dauer nicht leisten können wird, NICHT so vorzugehen.

Denn sonst wird sie weiterhin jeder neuen Mode und jedem neuen

Gerücht aufsitzen.

Wolfgang Klee 1998